Die Religion der Indianer

Bei den meisten nordamerikanischen Indianern war der Glaube an übernatürliche Kräfte stark ausgeprägt. Hinter jeder Naturerscheinung - ob es der Wind, der Regen, oder Blitz und Donner war - sahen sie eine höhere Macht in Form von Geistern. Die Indianer glaubten, das alle Dinge - ob es Lebewesen oder unbelebte Dinge waren - eine Seele hatten. Jeder Indianer hatte das Ziel, einen persönlichen Schutzgeist zu finden, der ihm bei der Jagd, im Kampf, aber auch für seine Gesundheit und für sein Ansehen bei Seite stand. Auf der Suche nach diesem Schutzgeist, zog sich der Indianer für mehrere Tage in die Einsamkeit zurück, in der Hoffnung, ihn in einem Traum zu finden. Während dieser Zeit nahm er keine Nahrung zu sich, da man glaubte, dass sich die Wahrnehmung während des Traums dadurch verbessert. Der Geist konnte dann in jeder Form in Erscheinung treten. So konnte z. B. eine Adler, ein Hund, aber auch irgendein Gegen- stand zum Schutzgeist werden, wenn der Indianer sie im richtigen Augenblick sah. Durch den Geist erfuhr er auch, welche Dinge ihn in seinem Leben Glück bringen. Diese Dinge (Stein, Feder, Halsband etc.) sammelte der Indianer dann schließlich, und stellte daraus seinen persönlichen Medizinbeutel zusammen, den er dann ständig wie ein Talisman bei sich trug.

Die ewigen Jagdgründe

Fast alle Indianerstämme glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod. Der Begriff "Ewige Jagdgründe" stammt wie so vieles von den Weißen. Die Ureinwohner Nordamerikas kannten nur die "Glücklichen Jagdgründe". Allerdings hatten die verschiedenen Völker unterschiedliche Vorstellungen vom Jenseits. So glaubten z. B. die Cheyenne, dass sich die Seelen der Verstorbenen vom Körper lösten, und über die Milchstraße, die sie "hängende Straße" nannten, in das Reich des Hauptgeistes Heammawihio wanderten. Die Comanchen hatten eine ähnliche Vorstellung. Sie glaubten an einem Tal, in dem es keine Sorgen und Schmerzen mehr gab, und in dem sie eine Unzahl von Jagdtieren vorfinden konnten. So wie die Comanchen, waren auch viele andere Indianerstämme davon überzeugt, dass sich das Leben in den "Ewigen Jagdgründen" dem auf der Erde ähnelt. Die Irokesen jedoch hatten eine etwas andere Vorstellung vom Jenseits. Sie glaubten nicht, dass die Seelen in eine heile Welt wanderten, sondern dass diese als Schatten bei den Lebenden verweilten. Auch die Art der Bestattung war unterschiedlich. So wurden bei einigen Stämmen die Toten auf Holzgerüste bestattet, oder sie wurden auf Hügeln gelegt, und mit Steine bedeckt. Andere Leichname wurden in Felsspalten versenkt, oder mit ihren Habseligkeiten verbrannt, was in Kalifornien vorwiegend der Fall war. Hier wurden auch die Unterkünfte der Verstorbenen zerstört, weil die kalifornischen Indianer so die Rückkehr der Totenseelen, vor denen sie Angst hatten, verhindern wollten. Jeder der im Leben tapfer und ehrlich gewesen war, hatte das Recht, in die "Ewigen Jagdgründe" einzugehen, und das war bei fast allen der Fall. Ausgenommen waren Selbstmörder, weil man sie als Feiglinge ansah. So gab es auch unterschiedliche Vorstellungen über den Weg ins Jenseits. Bei den Sioux z. B. war dieser Weg zweigeteilt. Der eine Teil führte zu dem angestrebten Ziel, der andere in den Abgrund, wo die Bösen ziellos umherirren. Für die Crow wiederum war diese Umherirren das bevorzugte Ziel. Sie waren dann frei wie die Vögel, während die Sündigen an einem Ort festgebunden waren.

Manitu

Die höchste Macht, an der die Stämme aus der Sprachfamilie der Algonkin glaubten, war das "Manitu". Unter "Manitu" stellten sich die Indianer aber keinen Gott in Gestalt einer Person vor, so wie es z. B. die Christen tun. "Manitu" war eine Energie oder Kraft, die sich den Indianern überall in der Natur offenbarte. Es wohnte in allen Dingen dieser Welt - im Wasser, in den Pflanzen, in den Tieren, in der Erde, und in der Sonne. Die Sioux sagten statt Manitu "Wakonda", die Apachen "Yasastine", die Crows "Maxpe", und die Irokesen sagten "Orenda". Aber all diese Worte hatten die gleiche Bedeutung. Sie bezeichneten das "Große Geheimnis" oder das "Geheimnisvolle", das alle Gegenstände und Geschöpfe durchdringt, eine Macht, die jeder Indianer spürte, wo immer er auch war. Im Gegensatz zum europäischen Weltbild, fühlten sich die Indianer nicht als höhere Geschöpfe, die die Aufgabe hatten, sich die Erde untertan zu machen. Sie sahen sich als Teil eines Ganzen, bei denen alle Dinge wie Pflanzen und Tiere den gleichen Stellenwert hatten, wie sie selber. All diese Dinge hatten das Manitu in sich. Daher erlegten sie z. B. auch nicht mehr Tiere als notwendig, und bedankten sich schließlich bei ihnen für deren Opfer. Durch den Einfluss der Europäer wurde die unpersönliche Energie und Kraft auf einen höheren Gott übertragen, der zunächst von den weißen als "Großer Geist" bezeichnet wurde, und schließlich auch von den Indianer angenommen wurde.

Medizinmann

Neben dem Häuptling, war der Medizinmann die herausragendste Persönlichkeit inner- halb eines Stammes. Das Wort stammt aus der Sprache der Chippewa und lautet im Original "Medewiwin". Die europäischen Einwanderer leiteten schließlich daraus das Wort "Medizinmann" ab. Obwohl der Ausdruck darauf schließen lässt, war der Medizinmann keineswegs nur für die Heilung von Kranken und die Behandlung von Wunden zuständig. Er war vielmehr der Mittler zwischen dem Übersinnlichen und dem Weltlichen, sowie Überlieferer von Brauchtum und Sitten. Der Medizinmann stand mit den Geistern und mit den Seelen Verstorbener in enger Verbindung, und vertrieb mit Hilfe seiner Zauberkraft böse Geister. Dazu versetzte er sich durch rituellen Tanz in Ekstase oder in Trance, wobei das letztere auch häufig durch Drogen hervorgerufen wurde. Schließlich knüpfte er den Kontakt mit dem Jenseits, oder holte die kranken Seelen seiner Patienten aus ihren Körpern, um diese zu heilen. Neben diesen Aufgaben war er auch noch für die Beschaffung des richtigen Wetters verantwortlich. Außerdem war er Psychologe, Priester und Wahrsager. Seine Visionen wurden von den Indianer Nordamerikas sehr ernst genommen. So hatte beispielsweise Sitting Bull - der auch Medizinmann war - eine Vision über einen Angriff der US-Armee auf einem Indianerdorf, bei dem alle Soldaten getötet würden. Diese Vision erfüllte sich dann tatsächlich, bei der Schlacht am Little Big Horn. Medizinmänner, die all diese Künste beherrschten, wurden auch Schamane genannt.

Allerdings beschränkte sich seine Heilkunst nicht nur auf Zauberkräfte. Auch in der Naturmedizin kannte er sich hervorragend aus. Für jedes Zipperlein, aber auch für schwere Krankheiten hatte er Kräuter und Tinkturen. Minze gegen Übelkeit, Stinkkohl gegen Asthma und Fichtenzapfen gegen Halsschmerzen sind nur einige Heilmittel, die er benutzte. Aderlass, Massagen und Schwitzbäder gehörten ebenfalls dazu. Der Medizinmann wandte aber auch psychologische Tricks an. So umtanzte er den Kranken und schlug währenddessen ständig eine Trommel, bevor er ihm schließlich - nach mehreren Tagen - irgendwelche Gegenstände wie z. B. Steine, Knochen oder Käfer aus seinem Körper saugte, die für die Krankheit verantwortliche gewesen sein sollen. In Wirklichkeit benutzte er aber diverse Taschenspielertricks, und sorgte so für einen Placeboeffekt bei seinem Patienten. Ob die Medizinmänner vorwiegen mit psychologischen Tricks arbeiteten, so dass man sie mehr als Scharlatane bezeichnen konnte, ob sie mehr die Naturmedizin eingesetzt haben, oder ob sie tatsächlich übersinnliche Kräfte und Wahrnehmungen hatten, sei dahin gestellt. Aufgrund des Glaubens und der Religion bei den nordamerikanischen Naturvölkern, war der Medizinmann bei jedem Stamm unentbehrlich.

Sonnentanz

Jedes Jahr im Juni oder Juli veranstalteten die Plains- und Prärieindianer, die sich zur alljährlichen Büffeljagd trafen, den zeremoniellen Sonnentanz, bei dem meist junge Krieger unvorstellbare Qualen durchstehen mussten. Die Feierlichkeiten fanden in einer Laubhütte statt, die nach Osten hin offen war, und in deren Mitte ein Baumstamm, dem so genannten "Sonnenpfahl", aufgestellt wurde. Nach einem Schwitzbad, das zur Reinigung der Tänzer diente, war es ihnen erlaubt, die Hütte zu betreten. Hier wurden ihnen mit einem Messer unter großen Schmerzen Schlaufen in Brust oder Rücken geschnitten. Durch diese Schlaufen stieß man dann fingerdicke Holzpflöcke, an denen wiederum Lederriemen befestigt wurden, die am "Sonnenpfahl" hingen. Unter dem Klang der dröhnenden Trommel bewegten sich die Tänzer nun im Kreis, wobei sie in kleinen Schritten vor- und rückwärts sprangen. Vier Tage und vier Nächte dauerte die Zeremonie. In dieser Zeit nahmen sie weder Wasser noch Nahrung zu sich. Während des Tanzes lehnten sich die Teilnehmer teilweise so weit zurück, dass ihnen die Holzpflöcke aus der Brust gerissen wurden, und sie zu Boden vielen. Durst, Hunger und Erschöpfung bewirkten dann eine Ohnmacht, und die jungen Krieger glaubten im Laufe einer Vision Kontakt mit den übernatürlichen Mächten gehabt zu haben. Der Sonnentanz diente hauptsächlich der Fruchtbarkeit und der Welterneuerung. Die Motive, die die Teilnehmer dazu veranlassten, an dieser Tortur teilzunehmen, waren unterschiedlich. Oft wurde durch diesen Tanz ein Gelübde erfüllt, das während einer Hungersnot, Krankheit oder in Lebensgefahr abgegeben wurden. Für einige Krieger war es eine Art Rache für getötete Verwandten, und für andere Teilnehmer war es eine Wiedergutmachung für eine Missetat, die sie in der Vergangenheit begangen haben. Im Jahre 1910 wurde der Sonnentanz vom "Bureau of Indian Affairs" verboten, da die US-Regierung diese Torturen für zu unmenschlich hielt. Auch die Missionare empfanden diese Zeremonie als einen heidnischen Akt, der in ihren Augen die barbarische Mentalität der Indianer widerspiegelte. Erst 24 Jahre später, im Jahre 1934, wurde der Brauch von der US-Regierung wieder zugelassen, diesmal allerdings ohne die Selbstfolterung.